Skill Change als Folge der digitalen Transformation

In der Wirtschaftswelt hallt das Schlagwort „Digitale Transformation“ unermüdlich durch die mit Sorge geschwängerten Fabrikhallen und durch die umtriebigen Grossraumbüros. Die Digitalisierung ist nicht nur aus technologischer Sicht das zentrale Zukunftsthema unserer Zeit, sondern erschüttert mit seinen Implikationen unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben in seinen Grundfesten. In der öffentlichen Diskussion wird diese bevorstehende Disruption wohl nicht zuletzt deshalb kaum wahrgenommen, weil mit ihrer Bezeichnung als „digitale Transformation“ die Entwicklung nur unvollständig beschrieben wird. So wird der Terminus im volksnahen Sprachgebrauch auch mit Digitalisierung gleichgesetzt und suggeriert damit vornehmlich die Verschiebung des Analogen in die virtuelle Welt. Da diese Transformation seit einigen Jahren beobachtet werden kann, wirkt sie für wenige wirklich neu. Zwar haben bereits vergangene digitale Innovationen bewährte Geschäftsmodelle unterminiert und etablierte Unternehmen verdrängt; so stellte beispielsweise Apples iTunes den ganzen Musikmarkt auf den Kopf und YouTube sowie Netflix werden vermutlich dasselbe mit dem Fernseh- und Filmmarkt tun. Doch diese Digitalisierung, die bereits seit einigen Jahren beobachtet werden kann, ist in ihrer Wirkungskraft nicht vergleichbar mit der sich ankündigenden Transformation, die mit Automatisierung deutlich treffender bezeichnet wäre. Der nächste Schritt der technologischen Entwicklung bedeutet nämlich nicht mehr nur ein Verschieben von analogen Inhalten in den digitalen Raum. In der nächsten Phase werden unzählige Geschäfts- und Handlungsprozesse automatisiert. Der aufmerksame Zeitungsleser kennt hierzu vor allem das Beispiel der selbstfahrenden Fahrzeuge, wie sie sowohl von klassischen Automobilherstellern als auch von diversen Firmen der „New Economy“ entwickelt und in einigen Jahren voraussichtlich auch serienmässig produziert werden. Bereits dieses Beispiel zeigt, dass die Umwälzungen der Digitalisierung nur eine leichte Brise im Vergleich zum Sturm der Automatisierung darstellen. So ist Uber, ein Unternehmen das zurzeit den Taximarkt aufwühlt, verhältnismässig wirkungslos in Anbetracht der zu erwartenden Disruption, wenn selbstfahrende Fahrzeuge ganze Berufsgruppen wie Taxi-, Bus-, Flugzeug- oder Zugchauffeure gänzlich überflüssig machen. Die anstehende digitale Transformation, die an dieser Stelle zum Zwecke der Aussagekraft als digitale Automatisierung bezeichnet werden soll, wird unser Leben allerdings nicht nur im Automobilbereich fundamental verändern.

Industrie 4.0 als anstehende Revolution

In der Betriebswirtschaft wird die digitale Automatisierung als vierte industrielle Revolution betrachtet und entsprechend mit dem Schlagwort Industrie 4.0 bezeichnet. Im Fokus stehen dabei nicht primär selbstfahrende Fahrzeuge, sondern sogenannte „Smart Factories“. Also Fabrikhallen, die so klug sind, dass darin Produktionsprozesse vollständig automatisiert ablaufen. Dies wird dadurch ermöglicht, indem alle für die Herstellung relevanten Maschinen und Gegenstände mit dem Internet verknüpft werden, um untereinander zu kommunizieren und (vordefinierte) Aktionen koordiniert auszuüben („Internet of Things“). So können entsprechend programmierte Produktions-einrichtungen automatisch Nachbestellungen auslösen, freifahrendes Rollmaterial an die gewünschten Lagerplätze navigieren oder den ganzen Herstellungsprozess effizient steuern. Die Technologie ist in dieser Hinsicht bereits so weit fortgeschritten, dass nicht mehr gefragt werden muss, ob es in Zukunft vollständig automatisierte Fabriken gibt. Die zentrale Frage ist nur noch, wann sich diese in der Wirtschaftswelt durchsetzen.

Mensch gegen Maschine spitzt sich zu

Insbesondere in entwickelten Industrien verschiebt sich der Wertschöpfungsfokus nun allerdings seit Jahren zunehmend zum wissensintensiven Dienstleistungs- und Informatiksektor. Daher wird in diesem Umfeld auch öfters von Wirtschaft 4.0 oder Arbeit 4.0 gesprochen, um die industrielle Revolution der digitalen Automatisierung breiter zu verstehen. Denn das Internet der Dinge, das die Grundlage dafür darstellt, dass ganze Produktionsprozesse ohne menschliche Intervention funktionieren, wird vor dem Grossraumbüro keinen Halt machen. Und kombiniert mit der Fähigkeit, aus der Abundanz der Daten auf soziale Verhaltensweisen zu schliessen („Big Data“), scheinen die Einsatzmöglichkeiten der digitalen Automatisierung in wissensintensiven Bereichen beinahe nur noch durch die Fantasie begrenzt. Im Gegensatz zum produzierenden Gewerbe steckt die Automatisierung im Dienstleistungs-und Informatiksektor jedoch noch in den Kinderschuhen, weshalb kaum belastbare Aussagen zu finden sind, wie der Arbeitsalltag in solchen Tätigkeitsfeldern aussehen wird. Es ist jedoch wenig gewagt zu prognostizieren, dass auch hier zunehmend Routinetätigkeiten automatisiert werden. Diese Automatisierung wird mit steigender Computerleistung auch hoch wissensintensive Tätigkeiten erfassen. Während der Kampf Mensch gegen Maschine derzeit noch spielerisch in Quizduellen, Schachpartien oder Go-Matches inszeniert wird, scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch anspruchsvolle kognitive Arbeiten von einem Computer schneller und besser ausgeführt werden. Die Tätigkeit des arbeitenden Menschen wird sich vor diesem Hintergrund zukünftig wohl auf komplexe Handlungssituationen beschränken, in denen er der digitalen Automatisierung überlegen ist. Die Pflege von betagten Menschen, die Entwicklung von neuen Produktideen oder die Festlegung einer neuen Organisationsstrategie könnten Beispiele für einen solchen Arbeitseinsatz darstellen.

Existenzsichernder Skill Change

Die Extrapolation der bereits begonnenen digitalen Automatisierung deutet darauf hin, dass reines Wissen keinen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil mehr darstellt, weil einerseits Maschinen das Abrufen von Informationen schneller und akkurater beherrschen als die versiertesten Spezialisten und andererseits solche Maschinen in absehbarer Zukunft genauso ubiquitär sein werden, wie es heute Laptops, Smartphones und Tablets sind. Nicht automatisierbare Arbeitstätigkeiten, die für Unternehmen zukünftig einen Wettbewerbsvorteil erzielen können, bedingen somit elaborierte Handlungskompetenzen, die über den kognitiven Aspekt hinausgehen. Die Frage, welche Kompetenzen damit gemeint sind, wird von der Forschung bisher jedoch nur
unzureichend beantwortet. Kommt erschwerend hinzu, dass sich nicht zuletzt aufgrund der Globalisierung und der Digitalisierung die Wettbewerbsdynamik derart erhöht hat, dass sich Organisationen an den Wandel als Dauerzustand gewöhnen müssen. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sich Kompetenzanforderungen ständig verändern, während sublime Handlungskompetenzen existenzrelevant werden. In der daraus entspringenden Konsequenz kommt im Umfeld der Arbeit 4.0 dem Kompetenz-management eine zentrale strategische Bedeutung zu, die über das nachhaltige Fortbestehen einer Organisation entscheidet. Wie dieses Kompetenzmanagement zu gestalten ist, wird die Praxis in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft besser früher als später herausfinden. Ansonsten sind nicht nur organisationale Existenzen, sondern damit verbunden auch unser ganzer Arbeits-, wenn nicht sogar Lebensinhalt bedroht.

 

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