Open Innovation durch Preisausschreibung: Ein Weg zur radikalen Innovation?

Seit dem Aufkommen des kollaborativen Internets, dem sogenannten Web 2.0, wird allenthalben versucht, dieses neue technologische Phänomen (ökonomisch) nutzbar zu machen – so auch im Bereich der Innovationsentwicklung. Unter anderem wird dabei das Konzept der Open Innovation prominent als neuartig angepriesen. Dabei geht jedoch vergessen, dass dieses Konzept weder neu ist, noch dass für deren Anwendung das Web 2.0 notwendig ist bzw. war. Dies zeigt sich sinnbildlich am britischen Longitude Act aus dem Jahre 1714, der als klassisches Beispiel für Open Innovation durch Preisausschreibung in die Geschichte einging (Spencer, 2012). Wie aktuell dieses Beispiel ist, zeigt sich zudem nicht zuletzt daran, dass der Britische Premierminister David Cameron den Longitude Prize 2014 ausrief, um so 300 Jahre später im Sinne des Longitude Acts von 1714 ein drängendes Innovationsproblem zu lösen. Es scheint also evident, dass der Longitude Act explizit und implizit eine Vorbildfunktion für die Organisation von Innovation im 21. Jahrhundert übernommen hat. Fraglich ist jedoch, wie akkurat das ursprünglichen Konzept bei den heutigen Imitationen übernommen wird und inwieweit diese Prozessinnovation aus dem
18. Jahrhundert überhaupt in die heutige Zeit übertragbar ist. Das Aufwerfen dieser Fragen kann dabei helfen, das Verständnis für die Entwicklung von radikalen Innovationen zu schärfen.

Die Vorbildfunktion des Longitude Acts für die heutige Organisation von Innovation

Es lässt sich grundsätzlich festhalten, dass Open Innovation, also die Öffnung des Innovationprozesses durch den Einbezug von Externen, ein aktueller und verbreiteter Begriff ist. Dabei verspricht der Ansatz unter anderem die Elimination von Betriebsblindheit, die Reduktion von kosten-intensiven F&E Abteilungen sowie die Risikoauslagerung bei der Innovationsfindung. Zudem gibt es auch diverse aktuelle Beispiele von Unternehmen, die Open Innovation im Zusammenhang mit Preisausschreibungen anwenden, um so ihren Innovationsoutput zu steigern (Bartl, 2010). Nichtsdestotrotz zeigt sich im historischen Verlauf, dass aus Open Innovation mit Preisausschreibungen bisher wenig Geschichtsträchtiges entstanden ist (Morgan, 2008). Dies öffnet Raum für Zweifel, ob der Longitude Act wirklich ein viables Vorbild für die heutige Organisation von Innovation ist, oder ob es nicht vielmehr ein zufälliges Erfolgserlebnis darstellt. Bei näherer Betrachtung lässt sich nämlich feststellen, dass hierbei einige Aspekte zu beobachten sind, die heute so kaum mehr in einen Open Innovation Prozess einfliessen (können). Beispielsweise dauerte der ganze Innovationsprozess damals rund 90 Jahre: Rund 40 Jahre dauerte es, bis sich die Regierung eingestand, dass mit der eigenen „F&E-Abteilung“ keine zielführenden Ergebnisse erzielt werden können und nochmals rund 50 Jahre, bis das Preis-ausschreiben zur angewendeten Innovation führte. Nebst dieser heute nicht mehr verfügbaren zeitlichen Ressource scheinen auch die damaligen finanziellen Ressourcen kaum vergleichbar: So wurde beim Longitude Act 1714 ungefähr das 1‘500-fache vom damals durchschnittlichen Jahreslohn in Aussicht gestellt. Wendet man diesen Massstab auf die heutigen Verhältnisse in der Schweiz an, müsste ein Preisgeld von rund CHF 110 Mio. ausgeschrieben werden.[1] Finanzielle Mittel, die spätestens seit der Finanz- und Schuldenkrise nur schwer für eine Preisausschreibung verfügbar sind. Ein nicht ganz offensichtlicher, dafür aber umso voraussetzungsreicher Aspekt ist ausserdem die Fragmentierung der Innovationsschritte: Auf dem Weg zur anwendbaren Innovation musste der Sieger des Longitude Prize 1714 zuerst diverse Erfindungen realisieren und neue Technologien anwenden. Erst durch die Kombination von neuster Technologie und vielfältigen Erfindungen resultierte schluss-endlich eine radikale Innovation, die den Eintrag in die Geschichtsbücher verdiente. Dieser graduelle und voraussetzungsreiche Prozess, der elementar von den genannten zeitlichen und finanziellen Ressourcen abhängig ist, steht dabei diametral zu den heutigen proklamierten Vorteilen von Open Innovation: Ein früher Einbezug von Externen, um nicht zuletzt eine hohe Kundennähe zu generieren sowie eine hohe Dynamik und Schnelligkeit, um von einer kurzen „Time-to-Market“ zu profitieren.

Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Innovationstätigkeit

Bei aller Kritik dürfen wir jedoch nicht vernachlässigen, dass bei der Analyse der  Innovationstätigkeit zwischen öffentlichen und privaten Organisationen differenziert werden muss. So verstärkt sich der Kritikgehalt hinsichtlich mangelnder zeitlicher und finanzieller Ressource, je kurzfristiger und profitorientierter eine Innovationsentwicklung angelegt ist. Es scheint deshalb evident, dass insbesondere private Organisationen, die primär ihren Investoren und so der (kurzfristigen) Gewinnmaximierung ver-pflichtet sind, Mühe damit bekunden, die notwendigen zeitlichen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen.  Dies mag auch ein Grund sein, weshalb heutige Preisausschreiben von Unternehmen eher dem Marketing und weniger der (radikalen) Innovations-entwicklung dienlich sind; werden doch die Kunden oftmals hauptsächlich in den Innovationsprozess eingebunden, um die Verbundenheit mit dem Produkt (in einer frühen Phase) zu erhöhen und so den Absatz zu steigern. Dass so eher Produktvariationen und nicht geschichtsrelevante, radikale Prozess- und Produktinnovationen realisiert werden, ist dabei für ein gewinnmaximierendes Unternehmen meist unerheblich.

Inwiefern ist dieser Vorwurf aber auch bei öffentlichen Organisationen angebracht, die genuin nicht gewinnorientiert sind? Denn im Gegensatz zur privaten Innovationstätigkeit müssen staatliche Innovationsprojekte weder ein unmittelbares, dynamisches Kunden-bedürfnis noch kurzfristige Rendite-erwartungen von Investoren befriedigen. Daraus abgeleitet ist es auch nachvollziehbar, dass tendenziell ein politischer Konsens über den grundsätzlichen Innovationsfokus von Staat bzw. Wirtschaft herrscht: Die öffentliche Hand soll frei von zeitlichem und finanziellem Druck insbesondere die Grundlage-forschung unterstützen, während private Unternehmen darauf basierend eine spezifische, gewinnorientierte Innovationsentwicklung verfolgen  sollen und wollen.

Dieses Rollenverständnis eröffnet für die Methode des Open Innovation durch Preisausschreibung jedoch weitreichende Implikationen. So scheint es eher ungeeignet, Grundlagenforschung durch den Anreiz von konkreten Preisausschreibungen zu fördern. Denn während der Grundlagenforschung eine offene und breite Fragestellung immanent ist, zielt ein Preisausschreiben grundsätzlich auf das Finden einer spezifischen Lösung, die ausgezeichnet werden soll. Im Gegensatz dazu haben private Unternehmen ein genuines Interesse an unmittelbar nutzbaren Innovationen. Wie erwähnt führen mangelnde zeitliche und finanzielle Ressourcen jedoch dazu, dass Preisausschreibungen bei privaten Unternehmen eher zur Produktoptimierung und Absatzsteigerung und weniger für die Findung von radikalen Innovationen genutzt werden. Mit anderen Worten besteht folgendes Dilemma: Während die öffentliche Innovationstätigkeit tendenziell eher auf die notwendigen finanziellen und zeitlichen Ressourcen zurückgreifen könnte, um Preisausschreiben im Sinne von radikalen Innovationen zweckmässig zu nutzen, bestehen bei erwähntem Rollenverständnis erhebliche Zweifel an der politischen Legitimation, um die dem Preisausschreiben immanente konkrete Zielsetzung derart unmittelbar zu verfolgen. Demgegenüber scheint die spezifische Lösungsorientierung von Preisausschreiben geeigneter für private Unternehmen. Diese haben aber meist weder genügend finanzielle noch zeitliche Ressourcen und reduzieren – überspitzt formuliert – die Methode des Preis-ausschreibens auf eine Marketingmassnahme.

Die Grundidee von Open Innovation und deren Implikationen für das Management

Die Argumentation verdichtet sich somit dahingehend, dass Preisausschreibungen per se tendenziell einen geringen Beitrag für die Entwicklung von radikalen Innovationen leisten können. Nichtsdestotrotz wäre die Schlussfolgerung verkürzt, dass Open Innovation und die Methode der Preisausschreibung keine Nützlichkeit ent-falten können. Einerseits kann es durchaus zu Ausnahmefällen wie jenem des Chronometers kommen, der aus dem Longitude Act 1714 resultierte. Andererseits wurde aufgezeigt, dass Preisausschreibungen für inkrementelle Innovationen oder zumindest für Produktoptimierungen ein geeignetes Vor-gehen sein können. Und selbst wenn nun der Anspruch erhoben wird, radikale Innovationen entwickeln zu wollen, können die Feststellungen aus dem Longitude Act dienlich sein. So lässt sich der Umstand, dass radikalen Innovationen meist mannigfaltige, vorbedingende Erfindungen vorangehen auch bei anderen Beispielen beobachten (beispielsweise beim Buchdruck im 15. Jahrhundert, beim Grammophon im
19. Jahrhundert oder auch beim Personal Computer im 20. Jahrhundert).

Entscheidend für die Nutzbarmachung des Open Innovation Ansatzes zum Zwecke von radikalen Innovationen ist deshalb, dass das Konzept nicht gänzlich abgestraft, sondern vielmehr differenziert betrachtet und mit weiteren Erkenntnissen ergänzt wird. Als Lösungsansatz kann sich dabei die Grundidee von Open Innovation eignen: Dem Öffnen des Innovationsprozesses. Versteht man diese Öffnung nämlich in einem weitesten Sinne dahingehend, als dass damit das Teilen und das gemeinsame Entwickeln von Wissen innerhalb von Organisationsnetzwerken sowie auch der generelle und möglichst weitfassende Einbezug  einer breiten Akteurengruppe innerhalb und ausserhalb der Organisation gemeint ist, dann scheint es möglich, dadurch vielversprechende Potenziale zur Entwicklung von radikalen Innovationen zu erschliessen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die diesem Verständnis immanenten Implikationen eine Vielzahl von Aspekten beinhalten, die in der einschlägigen Innovationsliteratur als zielführend bezeichnet werden: Dezentralisierung des Innovationsprozesses, Interdisziplinarität der Innovationsakteure, Brokering von Wissen, konstruktive Fremdbeobachtung oder auch der Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen Betriebs-blindheit und Betriebsverkennung.

Bei der Anwendung dieser Grundidee rückt ein Aspekt ins Zentrum, der bisher stark vernachlässigt wurde: Das Management. Während der Open Innovation Ansatz in der Literatur als eine konkrete Prozessinnovation definiert wird, kann dies von einer (Management-)Praxis, die sich als Öffnung des Innovationsprozesses im weitesten Sinne versteht, kaum mehr postuliert werden. Vielmehr ist hier das Management gefordert, kontext- bzw. organisationsspezifisch geeignete Rahmenbedingungen sicher-zustellen. Da solche Rahmenbedingungen eines Innovationsprozesses stets einer gewissen Dynamik unterliegen, stellt sich die Frage, inwieweit sich das Management in diesem Zusammenhang ebenfalls selbst stetig erneuern muss. Mit anderen Worten führt die Frage nach adäquaten Rahmenbedingungen für radikale Produkt- und Prozess-innovationen automatisch zur Frage nach Management-Innovation, damit in der Dynamik stets zweckmässige Rahmenbedingungen sicher-gestellt werden können. Diese Frage kann jedoch nicht unabhängig von der Definition von Management beantwortet werden und ist deshalb sehr voraussetzungsreich. Einen Erklärungsansatz kann uns dabei beispielsweise die 4. Generation des St.Galler Management-Modells bieten, das  Management als reflexive Gestaltungspraxis definiert. Ausgehend von dieser Definition lässt sich die aufgeworfene Frage dahingehend beantworten, dass die genuine Funktion des Managements als Praxis darin besteht, die Rahmenbedingungen und sich selbst stetig zu reflektieren und gegebenen-falls anzupassen. Daraus folgt, dass  Management-Innovation im Verständnis des Managements als Praxis inhärent und so ein elementarer Teil davon ist. Damit ist unter dieser Perspektive die Frage nach Management-Innovation zwar analytisch interessant und vermag zudem die Wichtigkeit der stetigen Anpassung der Rahmen-bedingungen für die Entwicklung von Produkt- und Prozessinnovationen verdeutlichen, sie eröffnet jedoch keinen neuen Innovations-gegenstand, da sie in der Definition des Managements als reflexive Gestaltungspraxis inbegriffen ist. Weicht man jedoch von dieser Definition ab, erhält der Begriff Management-Innovation eine erhöhte Bedeutung.

Fazit: Mit der Grundidee von Open Innovation Potenziale erschliessen

Es lässt sich festhalten, dass die Prozessinnovation der Preisausschreibung aus dem Longitude Act 1714 in einem gewissen Masse eine Vorbildfunktion für heutige Innovationsprozesse einnehmen kann. So scheinen Preisausschreibungen insbesondere bei privaten Organisationen für inkrementelle Innovationen oder zumindest für Produkt- und Prozessoptimierungen eine gangbare Vorgehensweise. Die Vorbildfunktion endet in diesem Zusammenhang jedoch beim Versuch, darin ein Instrument für die Entwicklung von radikalen Innovationen zu sehen. Dies deshalb, weil den (heutigen) Preis-ausschreibungen im Gegensatz zum beleuchteten Beispiel aus dem 18. Jahrhundert tendenziell nicht die notwendigen zeitlichen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden (können), um weitreichende Ideen und Erfindungen zu verfolgen und zu realisieren. Den privaten Innovationstätigkeiten stehen ausserdem jene von öffentlichen Organisationen gegenüber. Hier eröffnen sich in diesem Zusammenhang jedoch Zweifel, inwiefern die spezifische Lösungsorientierung von Preisausschreiben eine politische Legitimation erhalten kann. Nichtsdestotrotz kann die Grundidee des Open Innovation, also das Öffnen des Innovationsprozesses im weitesten Sinne, Potenziale für die Entwicklung von radikalen Innovationen erschliessen, indem sie viele zentrale Aspekte aus der Innovationsforschung aufgreift. Damit dabei der Entwicklungsprozess von radikalen Produkt- und Prozessinnovationen fruchtbar ist, wird eine Management-Praxis benötigt, welche die gegebenen Rahmenbedingungen und sich selbst stetig reflektiert und gegebenenfalls Anpassungen vornimmt. Je nach Definition von Management kann dies als Management-Innovation oder als originärer Teil des Managements als reflexive Gestaltungspraxis verstanden werden.

Quellenverzeichnis und weiterführende Literatur:

Bartl, M. (2010). Open Innovation. Der offene Umgang mit Wissen verändert das Innovationsmanagement. Abgerufen am 22. November 2014 von http://www.community‐of‐knowledge.de

Bundesamt für Statistik. (2014). Löhne, Erwerbseinkommen. Abgerufen am 22. November 2014 von http://www.bfs.admin.ch

Dueck, G. (2013). Das Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen. Frankfurt: Campus

Kelly, M. J. (1950). The Bell Telephone Laboratories – an example of an institute of creative technology. Proceedings of the royal society of London 203, S. 286-301

Morgen, J. (2008). Inducing innovation through prizes. Innovations 3 (4), S. 58-66.

Rüegg-Stürm, J., Grand, S. (2014). Das St.Galler Management-Modell: 4. Generation – Einführung. Bern: Haupt.

Spencer, R. W. (2012). Open Innovation in the Eighteenth Century. The Longitude Problem, in: Research-Technology Management 55, S. 39-44.

 

 

 

[1] Gemäss Bundesamt für Statistik lag der durchschnittliche Jahresbruttolohn in der Schweiz (2012) bei rund CHF 73‘500

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