Die Identität ist ein Schiff, dessen Anker die Vergangenheit ist

Identität.
Alle haben eine.
Aber niemand weiss, was sie ist.

Bevor also im Verlauf dieses Essays die Frage beantwortet werden kann, inwiefern Erinnerungen unsere Identität prägen und welche Auswirkungen die Unzuverlässigkeit der Erinnerung auf die Identität haben kann, muss dem Schlagwort „Identität“ Leben und Sinn eingehaucht werden.

Die schweizerische Identitätskarte suggeriert, dass unsere Identität folgende Punkte umfasst: eine Staatsangehörigkeit, einen Namen, einen Vornamen, ein Geburtsdatum, eine Unterschrift, ein frontales Abbild eines (nicht lachenden) Gesichts, eine Körpergrösse, ein Geschlecht, einen Heimatort und noch weitere charakterlose Zahlen und Fakten. Mit dieser Definition der eidgenössischen Behörde entfernen wir uns aber eher von einem sinnerfüllten Verständnis der Identität. Eine grössere Hilfe scheint uns da der Schriftsteller Urs Faes zu sein, welcher der Verfasser des folgenden Zitats ist: „Die Suche nach der Vergangenheit sei auch die Frage nach der Identität.“

Nach Faes suchen wir also in der Vergangenheit nach der Identität, dessen Besitz uns die Identitätskarte zwar bescheinigt, die uns aber oftmals fremder ist als die Identität unserer Mitmenschen. Und in der Tat kann uns die Vergangenheit sehr aufschlussreiche Ant-worten über unsere Identität liefern. Antworten auf Fragen wie: „Woher komme ich?“ (Wobei sich diese Frage nicht bzw. nicht nur auf den Geburtsort beschränkt, sondern sich vielmehr über den ganzen Prozess des Lebens mit all den innewohnenden Erinnerungen und Erfahrungen erstreckt), „Womit beschäftig(t)e ich mich gerne?“ oder auch „Wer war/bin ich?“. Die Vergangenheit gibt uns aber nur insofern Antworten, wie wir uns an sie erinnern. Wir benötigen also die Erinnerung, um die Vergangenheit gegenwärtig machen zu können und gleichzeitig sind unsere Erinnerungen Produkte unserer Vergangen-heit. Bildhaft gesprochen ist die Vergangenheit der Anker unserer Identität, während die Erinnerungen die Kettenglieder sind, die Anker bzw. Vergangenheit und Identität verbinden. Diese Metapher illustriert uns evident das Problem unserer Definition: Wenn unsere Identität am Anker der Vergangenheit hängt, dann bewegt sich das Schiff „Identität“ nicht (mehr). Um also eine umfassende Perspektive auf die Identität einnehmen zu können, bedarf es mehr als nur der Berücksichtigung der Erinnerung und der Vergangenheit. Antreibende Kräfte wie Ziele, Wünsche und Bedürfnisse müssen für die Beschreibung einer menschlichen Identität genauso berücksichtigt werden. Und auch wenn diese Punkte ebenfalls von der Vergangenheit geprägt sind, so werden sie doch von der Gegenwart und der Zukunft geformt.

Zusammenfassend lässt sich die Bedeutung der Erinnerungen für die Identität also wie folgt beschreiben: Das Schiff „Identität“ hängt am Anker der Vergangenheit, der durch die Kettenglieder der Erinnerungen mit der Identität verbunden ist. Um aber das (sich fortbewegende) Schiff in seiner Gesamtheit zu erfassen, müssen wir auch treibende Kräfte wie Ziele, Wünsche und Bedürfnisse bestimmen. Oder anders ausgedrückt: Erinnerungen verbinden die prägende Vergangenheit mit der Identität, aber um diese umfassend definieren zu können, benötigen wir von der Gegenwart und Zukunft geformte Identitätsfragmente wie Ziele, Wünsche und Bedürfnisse, welche die treibenden Kräfte der Identität widerspiegeln.

Mit dem nun entwickelten Verständnis, inwiefern Erinnerungen unsere Identität prägen, können wir uns der zweiten Teilfrage aus der Einleitung widmen: Welche Auswirkungen kann die Unzuverlässigkeit der Erinnerung auf die Identität haben? Geprägt ist diese Frage von den Ergebnissen der Psychologin Loftus, die mit Fotobearbeitung bei verschiedensten Probanden Erinnerungen hervorrief, die eigentlich gar nicht existieren dürften, weil sie sich auf eine Vergangenheit beziehen, die nicht Wirklichkeit ist bzw. war.

Was sind nun also die Auswirkungen auf unsere Identität, wenn sich die Kettenglieder der Erinnerung mit einem fiktiven Anker der Vergangenheit verknüpfen? Die Antwort auf diese Frage hängt sehr wahrscheinlich stark vom Anker, von den Kettengliedern, aber auch vom Schiff mit seinen treibenden Kräften ab. Gehen wir davon aus, dass weder das falsche Kettenglied noch der fiktive Anker genügend wesentlich sind, um das Schiff vom Kurs abzubringen, dann sind die Auswirkungen einer Unzuverlässigkeit der Erinnerung nebensächlich. Vertraut unser Schiff aber einem gefälschten Hauptkettenglied bzw. auf einen nur scheinbar vorhandenen Anker, dann kann es gut sein, dass die treibenden Kräfte, so sanft sie auch sein mögen, das Schiff der Identität in eine Richtung bewegen, in die es nie dahindriften wollte. Oder um von der Metapher Abstand zu nehmen: Je nachdem wie bedeutend die Erinnerung für unsere Identität, und damit zusammenhängend für unsere gegenwärtigen sowie zukünftigen Ziele, Wünsche und Bedürfnisse ist, kann sich eine Unzuverlässigkeit dieser Erinnerung auf unsere Identität stärker auswirken. Im schlimmsten Fall kann sie dazu führen, dass wir die Kontrolle über unsere Identität verlieren. womöglich sogar unsere Identität per se.

Da unsere Identität aber von einer derart grossen Anzahl von Kettenglieder geprägt ist, wird wohl in den meisten Fällen das Schiff den Kurs halten können, auch wenn hie und da die Segel im Winde der treibenden Kräfte neu gerichtet werden müssen, weil sich ab und zu ein Kettenglied als Fiktion entpuppt.

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